Hamburger Schulreform Chaos: Ich sag NEIN!

18. Juli 2010 von Jan · Kommentieren
Kategorie: Allgemein, Bemerkenswert, Hamburg 

imageHeute am 18.07.2010 wird in Hamburg darüber abgestimmt, ob unsere Kinder 4 oder besser 6 Jahre gemeinsam zur Schule gehen sollen/dürfen. Vor ein paar Wochen hatte ich bereits zum Thema Hamburger Schulreform geschrieben (Bericht). (Im zweiten Teil nun mein persönlicher Bericht was uns passiert ist.)

Grundsätzlich bin ich nicht gegen die Idee hinter der Reform und die Veränderungen die diese mit sich bringt – ich finde fast alles sogar gut überlegt. Und ob unsere Kinder nun 4 oder 6 Jahre gemeinsam die sogenannte Primarschule besuchen oder sogar 9 Jahre, wie anfangs gefordert, ist mit der richtigen Organisation und Struktur absolut zweitranging.

Es geht vielmehr um die Folgen der aus meiner Sicht vollkommen überstürzten und unvorbereiteten Entscheidung die Hamburger Schulen zu reformieren. Dem Chaos, den Problemen und der Verzweiflung von dem man in keiner Zeitung ließt. Etwas, das die Hamburger Bürgerschaft nicht hören will – allen voran Christa Götsch.

Der Frau die viele Millionen in neu eingestellte

Lehrer investieren will, aber verschweigt, dass fast genau so viele pensioniert werden.  Der Frau die die Klassen verkleinern will auf teilweise deutlich unter 20 Schüler, aber nicht erklärt wo die Räume und Lehrer herkommen sollen. Ganz abgesehen von den Kosten. Der Frau die nicht verstehen sehen will, dass Schulen,  Lehrer und vor allem die Schulbehörde und der Rechtsausschuss schon heute vollkommen überfordert sind mit den neuen Regeln und Aufgaben. Und das, obwohl die Reform erst am Anfang steht. Ich sage für mindestens die beiden kommen Jahre der Schulbehörde und deren Rechtsausschuss viele viele Überstunden und Anrufe frustrierter Eltern voraus. Warum? Weil ich das selbst erst hinter mich gebracht habe.

Aber mein Kind ist kein Crashtestdummy der Politik. Ohne ordentliches Fundament hält ein Bau nicht stand. Darum, und nicht weil ich gegen die Reform bin, habe ich heute gegen die Bürgerschaft entschieden. Weil zu viele Dinge ungeklärt und ungelöst sind.

Persönlicher Bericht

Wir sind in diesem Jahr persönlich von den Neuerungen betroffen und haben uns demzufolge auch etwas mehr mit der Hamburger Schulreform befassen müssen. Unsere jüngste Tochter wechselt in diesem Sommer von der Grundschule auf eine weiterführende Schule. Eigentlich ein normaler Vorgang. Doch wenn wir nicht rein zufällig ein Gespräch mit der bisherigen Grundschule geführt hätten, wäre unser Kind im Herbst ohne Schulplatz gewesen – fast ohne muss ich richtigerweise sagen. Und so wurde aus einem einfachen Vorgang, eine echte Herausforderung, die uns alle über fast 5 Monate beschäftigte.  Aber der Reihe nach:

Unsere Tochter geht auf eine katholische Grundschule, die nicht an das staatliche System angebunden ist. Wir wollten nun das unser Kind in eine staatliche Gesamtschule bzw. jetzt Stadtteilschule kommt, weil das katholische Gymnasium für sie nicht in Frage kommt. Also vom privaten katholischen System in das staatliche wechselt. Anmeldung ausgefüllt und zur betreffenden Wunschschule gebracht – ich lasse die Namen der Schulen und der Beteiligten weg, weil Hamburg Bergedorf so groß nun auch wieder nicht ist.

Kurz darauf hörten wir in der katholischen Grundschule: “ Ach schön, dass XXX nun doch die nächsten zwei Jahre bei uns bleibt!” Das muss ich kurz erklären: die 5. und 6. Klasse kann auch an der katholischen Schule absolviert werden, wenn man das denn möchte. Danach geht es dann aber staatlich definitiv weiter. Wollten wir aber nicht. Was war passiert? Die betreffende Bergedorfer Stadtteilschule, hatte unseren Antrag nicht angenommen und an die alte katholische Schule geleitet – #FAIL!

Dieser Vorgang stellt einen ganz klaren Formfehler dar. Denn es hätte eigentlich die dann nächstgelegene staatliche Schule unseren Antrag bekommen sollen, wenn Schule eins keine Plätze mehr hat. Erst wenn drei Schulen keinen Platz haben, geht der Antrag zur Schulbehörde, die dann eine Lösung finden muss.

Interessanterweise, wären wir niemals über diesen Sachstand informiert worden, hätten wir nicht zufällig die bisherige Grundschule gesprochen. Dann wären wir gezwungen gewesen, unser Kind auf der katholischen Schule zu lassen, weil eben keine Plätze mehr frei sein werden im neuen Schuljahr. Aus dem Raster gefallen aufgrund eines Formfehlers einer Sachbearbeiterin. Durch diesen Fehler ergab sich zwangsläufig eine Verzögerung, die uns einen Platz an Schule zwei ebenfalls nicht mehr ermöglichte, weil dort derweil auch alles belegt war. Diesen sogenannten “Zweitwunsch” hatten wir mündlich bei der Abgabe des Antrages benannt und er wurde auch notiert. Selbst wenn dieser nicht erfolgt wäre, hätte man die Unterlagen an eine staatliche Schule geben müssen!

Nach Rücksprache mit der Schulbehörde holten wir unseren Antrag bei der Grundschule wieder ab und brachten ihn erneut persönlich zur Bearbeitung an die Stadtteilschule unserer Wahl. Zusammen mit einem dreiseitigen Text der den Formfehler und den Sachverhalt ausführlich erläutert.  Und erklärten, dass uns durch die falsche Bearbeitung keine Nachteile entstehen dürften! Leider war das aber der Fall, denn hätte man gleich korrekt gearbeitet, wären wir an Schule zwei sofort angenommen worden. Das wurde uns mehrfach dort bestätigt.

Der Hammer kommt aber jetzt. Trotz des Hinweises der Hamburger Schulbehörde (es erfolgte ein Anruf an die Bearbeiterin)  und unseres Schreibens, begeht die gleiche Sachbearbeiterin den gleichen Fehler erneut und schickt die Unterlagen wieder zur katholischen Schule. Was wir/ich darüber denke, darf sich an dieser Stelle jeder selbst formulieren. Ich denke man siebt hier schon heute ganz bewusst Schüler vor.

Wir den Vorgang also wiederholt (Unterlagen wieder zur Schule unserer Wahl, die abgelehnt, das dann diesmal an eine Schule in der Pampa geleitet, die Platz zugesichert) – ich kürze das jetzt etwas ein – am Ende stand dann die Zusage für eine Schule, die unsere Tochter nach über einer Stunde Busfahrt und 3x umsteigen erreicht hätte. Unannehmbar! Aber wichtig für den Vorgang, da wir sonst hätten keinen offiziellen Wiederspruch bei der Schulbehörde einlegen können.

Diesen eingelegt, wieder seitenweise geschrieben und alles zusammen an die Behörde und alle beteiligten Schulen in Kopie. Und nun mussten wir warten, und warten, und w…… bis …

Ende der Geschichte

… am 13.07.2010 endlich die Post der Schulbehörde mit der Zusage für eine Stadtteilschule in unserer Nähe eintraf (also fast 5 Monate warten auf eine Platz in einer Schule). Zwei Tage zuvor hatte ich bereits einen Anruf erhalten und eine E-Mail. Ob mein Hinweis auf Presse und Anwalt das beschleunigt haben kann ich nicht sagen. Jedenfalls ging es danach recht fix. Zwar nicht unserem und vor allem dem Wunsch unserer Tochter entsprechend, aber durchaus eine ausgezeichnete Alternative!

Wobei ich inzwischen sogar glaube die bessere Lösung erreicht zu haben. Mit einem kompetenten und freundlichen Schulleiter, der bereit war mich anzuhören und versuchte zu helfen, sowie einer verantwortungsbewussten Bearbeiterin der Anträge, die sich sehr gut mit den vielen Veränderungen durch die Schulreform auskennt – weil sie sich damit befasst hat! Dankeschön dafür! Wir freuen uns auf eine gute gemeinsame Zusammenarbeit.

Wir sind nicht allein

Durch weitere Vorfälle in unserem Bekanntenkreis (interessanterweise gleiche Sachbearbeiterin der gleichen Schule) und durch die vielen und intensiven Telefonate mit der Schulbehörde und dem Rechtsausschuss der Schulbehörde, kann ich sicher sagen, das dies nur einer von unzähligen Fällen ist, die Anlass zur Klage geben. Klage über das Chaos, das die Hamburger Schulreform schon heute verursacht.

Laut Aussage einer Mitarbeiterin in der Behörde, hat man mit der Vielzahl der Beschwerden und Wiedersprüche nicht gerechnet. “Wir kommen einfach nicht hinterher, die Masse abzuarbeiten die hier liegt!” sagte sie mir am Telefon.

Und die Schulen sind einfach nicht vorbereitet auf die Änderungen. Es fehlt in den Stadtteilschulen an Personal, Klassenräumen und vor allem Know-How (sofern man nicht bereit ist sich dieses anzueignen), diese neuen Herausforderungen zu bestehen.

Ich bin froh, das wir das nun hinter uns haben. Ich rate der Hamburger Schulbehörde schon heute, für die kommenden zwei Jahre ausreichend Ressourcen für die Bearbeitung der Wiedersprüche einzuplanen, denn das wird mit diesem Sommer nicht abgeschlossen sein – im Gegenteil. Und den Lehrern rate ich, sich mit den Sachverhalten, Regeln und Abläufen vertraut zu machen. Und vor allem die persönliche Sturheit zum Wohl der Kinder abzulegen!!!

Abgang der Politik

Trotzdem: Es braucht jetzt noch 2-3 Jahre viel viel Arbeit, um das was auf dem Papier so toll klingt auch zum funktionieren zu bringen. Zeit, die man erst hätte investieren sollen, ehe man sich derart verheddert. Und das man es getan hat, sehen wir daran das der Hamburger Bürgermeister heute sein Amt niederlegt und damit auch gleich alle Senatoren neu aufgestellt werden müssen. Ich bin mal gespannt, ob Christa Götsch sich wieder ins Kabinett berufen lässt oder auch die Brocken hinwirft. Oder ob nicht gleich gänzlich Neuwahlen geben wird.


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